Zwischenspiel 1

Graf Philip:

Liebes Volk,
ich werde Euch in den nächsten Monaten über diesen Botenweg immer mal wieder meine Erlebnisse seit meiner Abreise aus Rieneck berichten. Sitze ich inzwischen in Mainz, soll hierbei auch die Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten. Es sei daher zunächst über eine Begebenheit in einer Taverne hinter Lohr am Main erzählt. Diese wird meinem geliebten Volke morgen zur Kenntnis gebracht.

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Isolde, eine Magd:

Ach … der Herr Hochwohlgeboren ist tatsächlich der Meinung seine wirklich überflüssigen Anekdoten unters Volk streuen zu müssen. Als sei die Bürgerschaft Rienecks nicht auch einmal glücklich darüber, dass ihr Herr nicht in der Grafschaft weilt. Dabei denke ich vor allem an die holde Weiblichkeit. Die Damen müssen freilich besonders froh sein, dass sie von diesem Wüstling für einige Zeit verschont bleiben. Leider kann das nicht jeder von uns so ergehen.
Der Herr Graf möchte also von den Begebenheiten plaudern, die sich ereigneten. Bitte, tue er sich keinen Zwang an. Ich werde wohl dafür Sorge tragen, dass alle Leut die Geschichte zu hören bekommen, wie sie sich wirklich zugetragen hat.

Leopold, der Wirt:

Typisch Weibsvolk, muss immer tratschen und glaubt, alle würden ihr zuhören. Ich kann gar nicht glauben, dass sie in der ganzen Zeit bei mir nicht gelernt hat, unseren großartigen Würdenträgern nicht auf die Nerven zu gehen. Dabei sind die so wichtig für mich! Ich hab ihm von der Abnutzung der Kochlöffel in der Küche bis zur frischen Landluft alles mögliche auf die Rechnung schreiben können. Der muss wiederkommen, und am Besten seine Freunde mitbringen. Hoffentlich reißt sie den Mund nicht zu weit auf.

Graf Philip:

„Denn wenn der Bär brüllt, haben die Mäuse zu schweigen!“ (Friedrich Barbarossa)

Liebes Volk,nachdem mein guter Narr mich in den Ländereien der Grafschaft noch aufzumuntern in der Lage war, verließen wir am dritten Tage Lohr. Dieses westlichste meiner Dörfer liegt in einem lieblichen Tal direkt am Fuße des Spessarts. Steil sind die Wege hier, dunkel der Wald und so verwunderte es nicht, dass sogar dem Narren vor Angst ein letzter Witz im Halse stecken blieb.Am Partensteiner Forst vorbei, die drohenden Zinnen des Hohes Knuck rechts liegen lassend, brachte uns unser Wege gerade noch vor der einbrechenden Dunkelheit in das gottverlassenste Nest im ganzen Kaiserreich – Weibersbrunn. Mir schwante schon bei diesem Namen nichts Gutes, ist und bleibt mir das Weibsvolk doch suspekt. Direkt hinter diesem unwichtigen Weiler gibt es ein recht treffliches Gasthaus, das Forsthaus Echterspfahl. Hier planten wir die Nacht zu verbringen. Mein gar mulmig Gefühl wurd und wurd nicht besser, hatte Barbarossa selbt hier doch einst zwei Raubritter zur Strecke gebracht.

War die Gaststube noch recht akzeptabel, so bot das Volk einen gar vulgären Anblick. Nicht eine Person war dabei, die Gott mit gefälligen Reizen ausgestattet hatte. Eine rannte wohl wegen meiner trefflich Figur gleich aus der Wirtsstube. Das konnt was werden…

Isolde:

„Wie groß ist die Torheit in dem Menschen, der nicht sich selbst bessert […]. O Mensch, warum schläfst du und hast an den guten Werken, die vor Gott wie eine Symphonie erklingen, keinen Geschmack?“ (Hildegard von Bingen)

Ja was denkt er denn eigentlich, wer er ist?! Barbarossas Erbe? …
So ein sittenloser Schuft. Jedem Weiberrock im Wirtshaus geiferte er hinterher. Nur weil ich in einem Schankhaus arbeite, lass ich mich noch lange nicht behandeln wie eine Dirne!

Aus der Stube musste ich flüchten, da ich unserem Herrn Grafen anderweitig wohl die Leviten gelesen hätte und mich der Wirt dafür bestimmt auf die Straße werfen würde. Der Arme denkt wohlmöglich genau wie der Graf, dass wir Frauen nur erschaffen wurden, um uns den Männern zu unterwerfen und sie zu unterhalten. Was man sich nicht alles gefallen lassen muss.
Nachdem ich mich gefangen hatte, ging ich zurück an die Arbeit. Der Wirt soll schon noch merken, was er an mir hat. Und was den ungehobelten Grafen angeht …, für den lass ich mir gewiss noch etwas Besonderes einfallen.

Leopold:

„Aufschlag für die Laus, Extra für die Maus
Zwei Prozent sind Stufengeld für’s Treppenhaus
Zeiten sind brutal, Schulden sind horrend
Bei geschloss’nem Fenster schlafen, drei Prozent“ (Thénadier)

Isolde wird es niemals lernen… von einer Magd im Wirtshaus erwarten die Kerle halt, dass sie einen etwas robusteren Sinn für Humor hat und man ihr auch mal in den Hintern kneifen kann. Was glaubt sie denn, wo sonst ihre Trinkgelder herkommen sollen? Ist ja nichts dabei, sie muss ja nicht gleich mit jedem in die Kiste springen. Wenn sich die Einstellung nicht ändert, werde ich mich wohl mal anderweitig nach einer Angestellten umsehen müssen, die das etwas lockerer sieht.

Graf Philip:

„Nur aus einem glücklichen Arsch kommt ein fröhlicher Furz“ (Martin Luther)

Oh diese dämliche Gans verwehrte mir das fröhlich Gefurz!

Da hatte der Wirt mir mit dem Versprechen eines trefflichen Gänsebratens den Mund wässerig werden lassen. Mit Rotkohl und Wurzeln. Dann bringt diese vermaledeite Magd mir das Brett und ich starre voller Vorfreude auf die kommenden leiblichen Genüsse. Und sie, sie stolpert blind wie Huhn über meinen Wanderstock. Die Gans (und zwar die gebratene) flog im hohen Bogen und wohl zum letzten Mal in ihrer kurzen aber schmackhaften Existenz durch den Raum, der Rock der dummen Trine blieb an des Narren Stuhl hängen und zerriss just in dem Moment, wo sich ihr Gesicht in die Bratensoße vergrub. Scheppernd ging alles darnieder. Das Gelächter der Leut wurde nur durch das Knurren meines Magens übertönt.

Das geht nicht an ! Da muss der Wirt aushelfen ! Sonst werde ich das Exempel, was ich einst dem Rolf von Partenstein angedeihen ließ, wiederholen müssen…

http://www.sagen.at/texte/sagen/deutschland/bayern/spessart/partenstein.html

Leopold:

So ein Mist! Diese dumme Magd ist so furchtbar ungeschickt. Dem Grafen, dem wichtigsten Gast, den ich das ganze Jahr hatte, so den Abend zu ruinieren. Tja, hilft nichts; ich werde ihm wohl mein eigenes Abendessen geben müssen. Dafür berechne ich ihm aber auf jeden Fall das Doppelte.
Mit Isolde reicht es mir trotzdem, die wird gefeuert.

Isolde:

„Wer werden will, was er sein sollte, der muß lassen, was er jetzt ist.“ (Meister Eckhart)

Ich Elende … So sitze ich nun auf der Straße! Von dem Hohn und Spott der Leute nach diesem Schlamassel ganz abgesehen.
Und wem habe ich das zu verdanken? Keinem Geringeren als diesem Arsch von Graf Philipp. Es kann doch nicht angehen, dass mich der Wirt wegen eines so ungehobelten Menschen vor die Türe setzt.
Nachdem ich mir den lieben langen Abend alles mögliche von diesem Schuft gefallen lassen musste, um meine Anstellung nicht zu verlieren (wie mir der Wirt dreist verdeutlichte), war das der Gipfel der Unverschämtheit. Ich war gerade im Begriff ihm den Gänsebraten aufzutischen, als dieser Kerl seinen Wanderstock in meinen Weg schob. So flink konnte ich gar nicht ausweichen und alles ging zu Bruch. Auch mein letztes Gewand zeriss. Wenn der Wirt mich nicht vertrieben hätte, wäre ich dem Grafen wohlmöglich des nächtens an die Gurgel gegangen. Und hätte hernach sowieso das Weite gesucht.

Mir bleibt nicht viel mehr als in die Stadt zu wandern, um dort mein Glück zu suchen.
Und vielleicht läuft mir ja unterwegs einer dieser heldenhaften Ritter in glänzender Rüstung über den Weg, dem so viel mehr Tugendhaftikeit und Ehrbarkeit anhaftet, als ein Graf Philipp von Rieneck sie jemals besitzen könnte.

Graf Philip:

„Inneren Frieden wird nur erlangen, wer Unwesentliches unbeachtet lässt und sich allein um Wesentliches sorgt.“ (Bernhard von Clairvaux)

Liebes Volk.

Was kann wesentlicher sein als ein wahrhaft gut mundendes Stück Fleisch?

Am Schluss nahm alles eine glückliche Fügung. Das Lamm des Wirts war gar vortrefflich. Der Rotwein mundete und das Bett war weich. Am nächsten Tage brachen wir auf gen Westen, zu des Kaisers Hof.

So gehabt Euch wohl und harret weiteren Briefen meinerseits.

Philipp, Graf von Rieneck

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